Aufsatz (Ausweitung der Kampfzone)

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(Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe rororo 24339, Neuausgabe November 2006)

Nach langem habe ich mir das Büchlein doch zu Gemüte geführt, weil ich momentan in einer Art Lesemarathon bin, und es ist ja auch schnell durchgelesen (170 Seiten). Beim überfliegen der anderen Angaben zu houellebecqschen Büchertiteln wie „Elementarteilchen“ oder „Plattform“ scheint er sich ja auf die Themen „Sex und Gesellschaft“ spezialisiert zu haben. Mehr kann ich über den Autor nicht sagen, ich versuche sein Buch als selbständiges Werk zu nehmen. Wobei mir nicht der Lapsus unterlaufen soll, Ansichten und Worte des Ich-Erzählers mit denen des Autors selber gleichzusetzen. Genauso wenig wie Goethes „Leiden des jungen Werthers“ als Autobiografie aufzufassen ist.

Beiden Werken ist gleich, dass die Protagonisten unfähig zum Aufbau einer funktionierenden Liebesbeziehung sind, darunter furchtbar leiden, und scheinbar unaufhaltsam der (Selbst)Zerstörung zugehen. Damit will ich es als Vergleich auch bewenden lassen. Der Titel „Ausweitung der Kampfzone“ („Extension du domaine de la lutte“ im Original) bezieht sich auf die zentrale Auffassung des namenlosen Protagonisten:

„Die Sexualität ist ein System sozialer Hierarchie“ (Teil 2, Kapitel 7, S.100)

Ein „zweites Differenzierungssystem“ (T.2, K.8, S.108), ein „Marktgesetz“, das ähnlich wie der Kapitalismus funktioniert. Dabei macht der Ich-Erzähler kaum fest, wie diese Marktgesetze im Detail funktionieren. Einer hat eben viel Sex, während andere keinen haben, genauso wie es beruflich erfolgreiche und nicht erfolgreiche gibt. Für den Erzähler existiert zum Beispiel die Liebe, „da man ihre Wirkungen beobachten kann“ (T.2, K.7, S.102). Für die Marktgesetze der Sexualität gilt wohl ähnliches. Unerklärlich und anscheinend auch unabänderbar.

Am meisten macht der Held seine soziale Hierarchie am Aussehen, an der äußerlichen Attraktivität fest. Ein immer wiederkehrender Punkt, der fast am wichtigsten von allem zu sein scheint: egal ob sein Chef, die Kollegin, der Kollege, Begegnung mit Fremden, Jugenderinnerungen – alle werden gnadenlos optisch analysiert, kategorisiert, ihr Marktwert festgestellt. Am eindringlichsten macht sich das in der Erzählung einer Jugenderinnerung mit einer Flamme namens „Brigitte Bardot“ deutlich: „Als ich sie in der Blüte ihrer siebzehn Jahre kennen lernte, war Brigitte Bardot von abstoßender Hässlichkeit. ... Aber selbst wenn sie sich mit unerbitterlicher Strenge einer fünfundzwanzigjährigen Abmagerungskur unterzogen hätte, ihr Schicksal wäre dadurch nicht wesentlich milder geworden.“ (T.2, K.7, S.95)

Woher kommt diese Strenge, Härte seinen Mitmenschen gegenüber? Seine unglückliche letzte Beziehung entpuppt sich als „Schlampe“, die in die „gnadenlose Schule des Egoismus“ der Psychoanalytiker „geraten ist“ (T.2, K.8, S.111ff). Einem Jugendlichen, der mehr Chancen bei den Frauen hat, wünscht er den Tod durch das Messer oder durch überfahren mit dem Auto (T.2, K.10, S126ff). Ein neuer Vorgesetzter, der Kontakt zu ihm aufnehmen will, wird schnell als „Dummkopf“ abgekanzelt (T.3, K.2, S.141). Selbst sagt er: „Ich liebe diese Welt nicht. Ich liebe sie ganz entschieden nicht. Die Gesellschaft, in der ich lebe, widert mich an.“ (K.2, T.6, S.90)

Über seinen biografischen Hintergrund erfahren wir leider so gut wie gar nichts. Wahrscheinlich wurde er als Kind vernachlässigt (T.1, K.3, S.15). Es ist eben so, es wird sich nicht ändern, „das Lebensziel ist verfehlt“ (T.3, K.6, S.170). Er zieht sich von seinen Mitmenschen und auch von sich selber zurück. Die Wochenenden werden einsam verbracht, die Sicht auf das Leben ist oft von triefendem Zynismus und Negativität geprägt. Ein Beispiel, als er eine Gruppe Jugendlicher in einer Altstadt beobachtet: „Dann stelle ich fest, dass alle diese Leute zufrieden mit sich und der Welt sind; das ist erstaunlich, sogar ein wenig erschreckend. Sie schlendern träge umher, lächeln spöttisch oder machen ein dämliches Gesicht.“ (T.3, K.2, S.75ff)

Er versteht die Welt nicht, versteht sich selber nicht und fühlt sich dem Leben nicht gewachsen. Das zeigt sich zum einen in der sachlich, kühl distanzierten Art, in der auch eigene Gefühle, selbst Todesängste beschrieben werden („Der Schmerz hatte begonnen, sich langsam von der Schulter in Richtung Herz zu bewegen. Da sagte ich mir, mein Zustand könnte möglicherweise beunruhigend sein;“) (T.2, K.4, S.79) Zum anderen die unbeholfene Art, mit anderen Menschen zu interagieren, als ob er sich kühl kalkulierend steuern müsste („Ich spüre sofort, dass er mich nicht leiden kann. Wie seine Zuneigung gewinnen? Ich beschließe, ihm mehrmals an diesem Vormittag lebhaft zuzustimmen und dabei einen leicht blöden Ausdruck der Bewunderung aufzusetzen, ...) (T.1, K.9, S.38)

Selbst weiß er, dass er depressiv ist, bezeichnet sich auch selbst als depressiv. Andererseits hält er sich für „80% normal“ (T.1, K.8, S.35). Er versteht nicht, wie in einer so scheinbar grausamen, von Machtstrukturen geprägten, durchorganisierten Welt (T.1, K.3, S14ff) jemand überhaupt glücklich sein kann (T.3, K.5, S.161). Sein Leben zerfällt immer weiter in rasantem Tempo: er kann seiner Arbeit nicht mehr nachgehen, meldet sich immer öfter krank, betrinkt sich, wirft Scheiben ein, bekommt eine Herzbeutel-Entzündung, Selbstmordgedanken quälen ihn. Am Ende geht er zu einem Psychiater und weist sich letztlich selber in ein Sanatorium ein, wo ihm aber nichts, keine Medikamente und kein anderer Mensch, ihm noch helfen kann.

Er bleibt unfähig mit der Welt in Kontakt zu kommen. Die wenigen Freundschaften die er hat, zu einem Priester und zu seinem Arbeitskollegen Tisserand, bleiben ebenso distanziert, wenn er sie nicht gar abbricht. Er besitzt kein Interesse an der für ihn verhassten Gesellschaft. Die Menschen um ihn sind entweder dumm oder unattraktiv. Wenn er sie nicht bemitleidet hasst oder neidet er sie. Dazwischen scheint es nichts zu geben. Selten stellen sich Augenblicke der Aufrichtigkeit für ihn ein, und selbst eine zufällige Zuwendung bekommt dann etwas zärtliches (T.1, K.9, S.40).

Die Interessen-, Gefühls- und Kontaktlosigkeit führt zu einer gewissen „Gedankenleserei“ des Ich-Erzählers. Ohne im wirklichen Kontakt oder Austausch mit anderen zu stehen wird ihre wahrscheinliche Attraktivität analysiert, ihre wahrscheinlichen Gedanken vorweggenommen, ihre angenommenen Chancen, ihre projezierte Laufbahn anhand seines Maßstabes bereits im Vorfeld gemessen. Der Held ergibt sich also in einer Menge nicht bewiesener Mutmaßungen, die sein Weltbild ausmachen, die nicht hinterfragt werden, oder mit denen er seine Umwelt konfrontiert. Er behält sie für sich, ohne Chance sie zu revidieren oder zu korrigieren. Beispiele: „Sie ist sonst ein Mädchen, das mit keinem ins Bett geht.“ (T.1, K.1, S.7) „Als wäre es ihm ein persönliches Vergnügen, mir Ärger zu machen, hat er ...“ (T.1, K.4, S.20) „Ich glaube sogar, dass er glücklich ist – in dem Maß, das ihm zusteht, natürlich. (T.1, K.4, S.22) „Ich bin sicher, dass sie nicht im Traum daran denkt, mit irgendeinem Typ etwas anzufangen.“ (T.1, K.7, S.31) „Ich frage mich sogar, ob sie nicht geweint hat. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie in Schluchzen ausbricht, wenn sie sich morgens anzieht, allein und verlassen in ihrem Zimmerchen.“ (T.1, K.9, S.38) „Er selbst hatte, da bin ich sicher, nie eine Liaison gehabt;“ (T.1, K.11, S.47) „Das Loch, das sie zwischen den Beinen hatte, musste ihr ziemlich nutzlos vorkommen.“ (T.1, K.11, S.51) ...

Für den Leser wird es immer schwieriger, die Objektivität des Erzählers nicht in Zweifel zu ziehen. Wenn nicht direkt Gespräche wortwörtlich wiedergegeben werden, oder tatsächliche Ereignisse beschrieben werden, kann sich der Leser ja nur auf die Aussagen des Helden stützen. Wie er weiß, sind sie durch Depressionen eingefärbt, und durch die vielen ungeprüften Mutmaßungen werden alle restlichen Aussagen auch immer zweifelhafter. Wissen wir etwa, welches Liebesleben sein Jugendschwarm Brigitte Bardot oder Catherine Lechardoy, mit der er arbeiten muss, tatsächlich haben? Wie „attraktiv“ sie tatsächlich sind, und wie sie sich in ihren eigenen Augen sehen? Wo hört Vermutung auf, wo fängt die reine Fantasie an?

Aus dieser Mischung von Erlebnissen und Mutmaßungen, Realität und Fantasie setzt sich die Wirklichkeitskonstruktion des Helden zusammen, die ihn sehr wirren, verdrehten „Tiererzählungen“ gipfeln, scheinbar sein einzigstes Hobby. Es wird klar, dass der Held allein mit sich und seinen Gedanken bleibt. In unpersönlichen Verallgemeinerungen versucht er die Welt, die er selbst nicht verstehen kann, sich zu erklären („Es gibt Menschen, die spüren sehr früh eine erschreckende Unmöglichkeit, auf sich allein gestellt zu leben;“ T.3, K.5, S.160). Seine Psychologin im Sanatorium kommentiert dies folgendermaßen: „Wenn Sie über die Gesellschaft palavern, errichten Sie eine Mauer, hinter der Sie sich schützen. Meine Aufgabe ist es, diese Mauer zu zerstören, damit wir an Ihren persönlichen Problemen arbeiten können.“ (T.3, K.5, S.159); „Aber ich hätte lieber, dass Sie unmittelbar von Ihren Problemen sprechen. Noch einmal, sie bleiben zu sehr im Abstrakten.“; „Sie bringen alles durcheinander. Maupassants Wahnsinn ist nichts als ein klassisches, fortgeschrittenes Stadium der Syphilis. Jeder normale Mensch akzeptiert die beiden Systeme, von denen Sie sprechen.“ (S.161)

Ist der Held allein dem Wahnsinn anheim gefallen, wie es gegen Ende den Eindruck macht? Sind alle seine Probleme nur eigene Kopfgeburten? Mitnichten kann man seine Beobachtungsgabe völlig in Zweifel ziehen. Dass jemand, der aus eigener Trotteligkeit sein Auto verliert, sich der Lächerlichkeit preisgibt, ist unmittelbar nachvollziehbar (T.1, K.2, S.10f). Am deutlichsten macht sich dies aber an der sexuellen Erfolgslosigkeit seines Arbeitskollegen Tisserand deutlich: durch seine Eröffnung, er sei mit 28 noch immer Jungfrau (T.2, K.8, S.107), und durch das unmittelbare miterleben, wie er ungeschickt an eine junge Frau herankommen will (T.2, K.10, S.121ff), haben sich sein Prognosen dass Tisserand „so hässlich (ist), dass er die Frauen abstösst und es ihm nicht gelingt, mit ihnen zu schlafen“ nicht nur bestätigt, sondern sogar übertroffen: „Das hat mich dann doch einigermaßen überrascht;“ (S.107) Die Vorhersagen der Erzählers sind also nicht 100%, und genauso wie er sich in die eine Richtung verschätzt hat, verschätzt er sich auch in die andere. Der Erzähler beobachtet die Erfolglosigkeit, den letzlichen Beweis der Verknüpfung zwischen Ursache und Wirkung bleibt er dem Leser aber letztendlich schuldig. Immer wieder kommt er auf das Aussehen zurück, aber vielleicht bringt er hier wieder „alles durcheinander“. Der Held bleibt in seiner Perspektive bis zum Schluss verhaftet, stellt sie nicht in Frage, und dreht sich damit immer weiter im Kreis.

Stellt sich der Held für den Leser eigentlich als Sympathieträger heraus, oder nicht? Einerseits möchte man ihn als Opfer der Gesellschaft oder Umstände sehen, unter der er leidet. Wobei sie gar nicht so feindlich und bedrohlich ist, wie er immer tut: die brutalen, angeblich mit Messern bewaffneten Obdachlosen, die er beobachtet, als er sein ganzes restliches Geld abhebt, tun ihm nichts, obwohl er es fast zu hoffen scheint („Ein wenig aus Provokationslust habe ich an einem Bankomat das ganze Geld abgehoben“ - T.3, K.2, S.144); auf einer Radtour kann er teilweise an sich und der Natur noch gefallen finden (T.3, K.6, S.169); andere Menschen wie der Pfarrer suchen noch Kontakt zu ihm, den er selbständig abbricht.

Andererseits treten aber auch ganz deutlich unsympathische Züge an dem Helden zutage. Nämlich dann, wenn aus dem Opfer ein Täter wird. Er denunziert seine Mitmenschen in Gedanken, verweigert sich ihnen und treibt damit selbst einen Keil zwischen sich und andere. Durch seine abweisende Art verhält er sich nicht besser als „die Gesellschaft“. Ein Paradoxon: er sucht Zuwendung, obwohl er fast niemanden leiden kann. Das er selbst auch ein Täter ist zeigt sich aber am deutlichsten, als er Tisserand nicht nur auffordert, sondern aktiv dabei unterstützt, die „Konkurrenz“ mit einem Messer zu ermorden, als dieser von einem Jugendlichen ausgestochen wird (T.2, K.10, S.126ff). Später stirbt Tisserand bei einem Autounfall, weil er bei Nebel zu schnell gefahren ist, wahrscheinlich auch aus Verzweiflung (S.130f). Man könnte auch argumentieren, dass der Held seinen Tod mitverschuldet hat, weil er ihm im Entscheidenden Moment nicht Mut zugesprochen hat, sondern noch mehr in die Verzweiflung trieb („Diese Dinge sind nicht für dich. Auf alle Fälle ist es längst zu spät.“ S.127).

Zeigt sich letztendlich eine Lösungsmöglichkeit für das Dilemma unseres Helden? Erstaunlich, dass er gegen Ende nicht den Freitod sucht, sondern weiter depressiv vor sich hin lebt. Das stimmt versönlich, weil es zumindest in Zukunft vielleicht doch zu einer „Erlösung“ kommt. Andererseits haben seine Lösungsversuche am Schluss nicht gefruchtet, weder haben sich seine Gedanken noch Einstellungen geändert. Das stumme Leiden in stiller Verzweiflung und Verbitterung wird sich wohl einfach fortsetzen.

Dem Autor Houellebecq lag es aber auch gar nicht daran, irgendwelche Lösungen zu präsentieren. Er hat ein überzeugendes, eingängiges Studium eines isolierten Depressiven geliefert. Inwiefern und in welchen Ausmaßen der soziale oder sexuelle Kapitalismus, den der Protagonist anprangert, tatsächlich sich mit verantwortlich zeichnet, bleibt allerdings offen. Der Buchrücken sagt aus, dass „mit gnademlosen Blick die Welt seziert wird“, wenn auch nicht sehr sachlich, wobei der Held mit seziert wird. Am Ende bleibt eigentlich nichts mehr übrig, der Leser bleibt ratlos und alleingelassen zurück mit seinen Eindrücken. Es kann auch keine Lösung geben: anscheinend gibt es nur zwei Seiten – die des Helden, und die der Psychiater, und beide erklären sich gegenseitig für verrückt. Der einzige, der aktiv aus seinem Muster ausbrechen will, Tisserand, stirbt durch einen Unfall sinnlos.

Damit komme ich zum Schluss auf den Buchtitel zurück: „Ausweitung der Kampfzone“. Dieser Titel hat Aufforderungscharakter – entweder akzeptiere ich die Ansichten, die Existenz einer Kampfzone, oder nicht. Damit müsste man aber auch akzeptieren, dass alles nur noch Verbitterung ist (T.3, K.5, S.162). Weil speist sich die Einstellung zum Kampf, wo eigentlich keiner sein sollte, nicht hauptsächlich aus den negativen Gefühlen?