Die Geschichte eines ABs

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Autor: AnonymerAB, m., Jg. 1991


Vorwort

Dieser Bericht gibt natürlich nicht meine vollständige Lebensgeschichte wieder, sondern legt den Fokus vor allem auf jene Aspekte, Episoden und Ereignisse meines Lebens, von denen ich glaube, dass sie Maßgeblich zu meiner Beziehungslosigkeit beigetragen haben. Dementsprechend hat diese „Autobiographie“ natürlich einen relativ negativen Grundton. Ich möchte mich mit diesem Text allerdings nicht im Selbstmitleid suhlen oder nur meinen Frust ablassen; ich bin mir durchaus im Klaren darüber, dass es auch viele schöne Aspekte in meinem Leben gab und gibt, auch wenn es vor dem Hintergrund des AB-Tums manchmal schwer fällt, diese anzuerkennen oder wertzuschätzen. Ich hoffe mit diesem Bericht einerseits Außenstehenden („Normalos“) einen besseren Einblick in die Problematik des AB-Daseins sowie in den möglichen Werdegang eines ABs geben zu können, und andererseits Betroffenen, die vielleicht ein ähnliches Schicksaal hatten, Trost spenden zu können durch die Tatsache, dass sie mit dem, was ihnen wiederfahren ist, nicht alleine auf der Welt sind, sondern dass es auch andere Menschen gibt, mit denen sie diesen Leidensweg teilen.

Erinnerungen der frühen Kindheit

Ein Grundstein für meine spätere Beziehungslosigkeit wurde mir gewissermaßen schon als Baby in die Wiege gelegt: Als Einzelkind einer Mutter, die mich zumindest ein wenig überbehütete, hatte ich quasi schon von Haus aus nicht sehr viel Kontakt zu Gleichaltrigen. Manchmal trafen wir im Park auf andere Mütter mit Babys oder Kleinkindern; aber diese Kontakte waren eher sporadisch und auch nicht allzu intensiv, zumal viele dieser anderen Kinder noch auf ihren Decken krabbelten, während ich bereits auf zwei Beinen herumlief. Verschärft wurde diese Situation noch durch die Tatsache, dass meine Eltern lange Zeit keinen Kindergartenplatz für mich fanden. Damit ich dennoch ab und zu andere Kinder träfe, ging meine Mutter mit mir von da an einmal wöchentlich zu einer Krabbelgruppe, in der man dann mit anderen Kindern Lieder sang oder irgendwelche Spiele spielte. Ich weiß noch, dass ich mich an diesen Aktivitäten nicht besonders enthusiastisch beteiligt habe; ich fand es allgemein viel spannender, den Erwachsenen bei ihren Gesprächen zuzuhören, als mich mit den anderen Kindern zu beschäftigen, eine Tendenz, die sich bei mir auch in späteren Jahren hielt. Ich kam mit den Kindern dieser Krabbelgruppe gut klar, aber ich interessierte mich eben nicht besonders für sie, weshalb ich diese Gruppe immer als etwas überflüssig empfand. Letztendlich gelang es meinen Eltern dann doch noch, einen Kindergarten zu finden, und im Zuge dessen nahm mein Leben erstmals eine negative Wendung…

Der Kindergarten-Horror

Ich möchte in diesem Zusammenhang (noch) nicht von Mobbing sprechen, denn Mobbing setzt meiner Ansicht nach immer ein systematisches Vorgehen der Peiniger, also einen gewissen Vorsatz dem Opfer zu schaden, voraus. Und ob eine solche böswillige Absicht im Kindergarten damals schon bestand, oder ob man Kindern in diesem Alter überhaupt eine solche unterstellen kann, halte ich zumindest für zweifelhaft. Fakt war jedoch, dass die Erzieherinnen (fast allesamt recht alte Frauen, deren pädagogische Arbeit vor allem darin bestand, uns Kindern hin und wieder eine – oft biblische – Geschichte zu erzählen, etwa 2 mal im Jahr einen kleinen Ausflug zu machen und uns ansonsten uns selbst zu überlassen) mit ihren Aufsichts- und Erziehungsaufgaben völlig überfordert waren, so dass im Kindergarten gewissermaßen das Faustrecht herrschte. Mein Nachteil war nun, dass ich im Vergleich zu den anderen ziemlich schmächtig war und mich außerdem, teils wegen meines ureigenen, eher konfliktscheuen Wesens, teils aber auch wegen der Gewalt ablehnenden Erziehung durch meine Mutter, kaum zur Wehr setzte und auch überhaupt nicht wusste, wie ich mich wehren sollte. Dies führte dazu, dass ich im Kindergarten praktisch auf der untersten Stufe der Hackordnung stand. Dass kaum mal ein anderes Kind mit mir spielen wollte, störte mich dabei noch am wenigsten; immerhin konnte ich mich auch ganz gut alleine beschäftigen. Aber das ruppige und manchmal regelrecht gewalttätige Verhalten der anderen mir gegenüber (Anschreien, Schubsen, Schlagen und Ähnliches, wenn sich z. B. jemand anderes auf meinen Platz setzten wollte) schüchterte mich nicht nur ein, sondern führte natürlich auch zu einer sehr ablehnenden Haltung dem Kindergarten gegenüber. Manchmal gelang es mir dennoch, mich mit einzelnen Kindern etwas näher anzufreunden; doch das war praktisch immer nur von kurzer Dauer: entweder das betreffende Kind verlies den Kindergarten (z. B. wegen eines Umzugs) oder aber es wurde gegen mich aufgehetzt und wollte schon bald nichts mehr mit mir zu tun haben. Es gab dort ein Mädchen, welches besonders gerne intrigierte und quasi zum Zeitvertreib versuchte, Freundschaften zu zerstören und Zwietracht zu säen; ich war dabei natürlich ihr liebstes (aber keineswegs das einzige) Opfer. Wenn ich es mir so recht überlege (gerade im Hinblick auf dieses intrigierende Mädchen), war es damals wohl doch schon so etwas wie Mobbing – oder zumindest die infantile Vorstufe davon. Die Erzieherinnen waren, wie bereits angedeutet, auch keine Hilfe, sondern eher ein weiteres Übel: Meist begnügten sie sich im Konfliktfall damit, mich in einen anderen Teil des Raumes zu schicken, ohne den jeweiligen Übeltäter in die Schranken zu weisen. Es war eben leichter, das folgsamere Kind einfach wegzuschicken, als sich eingehender mit den Rabauken zu beschäftigen. In anderen Situationen neigten die launischen Erzieherinnen dagegen zu Wutausbrüchen, bei denen sie uns Kinder schon wegen Kleinigkeiten anblafften. Außerdem hatten sie einige komische Regeln im Kindergarten aufgestellt; so sollten wir beispielsweise nach dem Essen unsere Teller sauberlecken (was ich immer sehr eklig fand). Langer Rede kurzer Sinn: Ich hasste den Kindergarten und focht jeden Morgen mit meiner Mutter harte Kämpfe aus, weil ich nicht hin wollte. Letzten Endes hatte meine Mutter ein Einsehen und nahm mich aus dem Kindergarten heraus, so dass ich das letzte Jahr vor der Schule größtenteils Zuhause verbrachte.

Ein gelungener Schulstart

In der Grundschule lief es dann erst einmal viel besser; wir hatten in der 1. Und 2. Klasse eine sehr engagierte Klassenleiterin, mit der ich super zurechtkam. Außerdem stellte sich bald heraus, dass ich ein ziemlich guter Schüler war: Ich beeindruckte – ohne dass ich auf irgendeine Art und Weise angeberisch gewesen wäre – mit einem erstaunlichen Vorwissen, vor allem im Sachkundebereich, und verinnerlichte die meisten Lerninhalte mühelos. Auch in der Klasse kam ich wunderbar zurecht, ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass ich damals einer der beliebtesten Schüler in meiner Klassengemeinschaft war. Erstaunlicherweise verstand ich mich sogar mit den Raufbolden ziemlich gut – die gab es damals nämlich durchaus, aber sie prügelten sich nur gegenseitig oder ärgerten die Mädchen; ich wurde von ihnen damals nie mit Aggressionen bedacht. Innerhalb der Klasse kam ich also mit so ziemlich allen gut klar; dennoch hatte ich nur einen wirklich engen Freund in der Grundschule, mit dem ich auch außerhalb des Unterrichts mal etwas unternahm (dieser Kumpel war bezeichnenderweise neben mir der beste Schüler in der Klasse). Dieser eine, enge Freund reichte mir aber auch völlig aus. Ich war in dieser Zeit ein zufriedener, recht fröhlicher und aufgeweckter Junge; der Horror des Kindergartens lag hinter mir (auch wenn er nicht ganz vergessen war) und es ging mir ziemlich gut. Rückblickend kann ich sagen, dass diese Zeit – die der ersten und zweiten Klasse – wohl mit Abstand die beste Phase meiner Schulzeit war, zumindest vom sozialen Gesichtspunkt her.

Die späte Grundschulzeit: Zunehmende Ausgrenzung

Doch das Blatt begann sich im Laufe der 3. Klasse zu wenden. Ich weiß nicht mehr genau, wie es begann oder ob es überhaupt einen richtigen Auslöser gab, aber ich vermute, einer der Gründe war, dass ab dieser Jahrgangsstufe erstmals echte Noten verteilt wurden, was möglicherweise zu einem stärkeren Konkurrenzgedanken in der Klasse oder zumindest bei vielen Schülern zu verstärkten Leistungsdruck führte. Ich habe es damals zwar nicht so empfunden, aber ich war ja auch richtig gut und musste mir kaum Sorgen wegen irgendwelchen Noten machen. Jedenfalls begann nicht nur mir, sondern auch meinen Mitschülern zu dieser Zeit aufzufallen, dass ich – der ich sonst so ziemlich überall der Klassenbeste war – im Sport mit den anderen nicht mithalten konnte (ich war deutlich langsamer als die anderem, v. a. wenn es um schnelle Körperreaktionen ging, und auch meine Körperkoordination war nicht gerade gut). Ich störte mich nicht besonders daran; das Fach Sport fand ich zwar nicht schlecht – zumindest damals noch nicht – aber ich maß ihm auch keine besondere Bedeutung bei. Mir waren meine mäßigen Sportleistungen also egal - aber meinen Mitschülern waren sie es leider nicht… Meine Schwierigkeiten in Sport waren sicher nicht die wirkliche Ursache für den Umschwung des Klassenklimas gegen mich; vielen – vor allem wohl ein paar älteren Sitzenbleibern, die neu in unsere Klasse gekommen waren – war ich wohl nun, im angebrochenen Zeitalter der Zensuren, ein Dorn im Auge. Und mit meinen Defiziten in Sport hatten sie eben etwas, mit dem sie mich bequem angreifen konnten. Bald schon bekam ich die ersten Sprüche zu hören, was für ein Schwächling und eine Lusche ich doch sei, und auch wenn es anfangs nur ein paar einzelne Leute waren, die mich auf diese Weise verspotteten (vor allem Sitzenbleiber), so stimmten doch bald immer mehr meiner Klassenkameraden in die Schmähungen ein. Als dann im 2ten Halbjahr der 3. Klasse auch noch mein bereits erwähnter bester Kumpel mit mir brach und auf die Seite der Spötter wechselte, befand sich mein Ansehen in der Klasse quasi im freien Fall. Und die Probleme reichten sogar über die Klasse hinaus: Wohl weil ich nun immer öfter alleine am Pausenhof stand, kamen bald auch ältere Schüler und begannen mich zu piesacken; vor allem eine Gruppe älterer Mädchen hatte es besonders auf mich abgesehen und drangsalierte mich über mehrere Monate lang regelmäßig, wobei sie mich unter anderem anspuckten und mir auch einmal meine Mütze klauten. Erst als ich auf letzteres hin Anzeige bei der Polizei erstattete, und es die Mädchen offenbar mit der Angst zu tun bekamen, hörten sie auf. Die 4te Klasse schloss sich nahtlos an die 3te an, was meine Situation anging. Die allgemeine Stimmung in der Klasse war nun in weiten Teilen gegen mich; neben diversen Kraftausdrücken wie „Hurensohn“ - zu Grundschulzeiten noch ein wirklich schlimmes Schimpfwort, für dessen Gebrauch man eine harte Standpauke oder gar eine Strafe von Lehrern erhalten konnte – mit denen ich des Öfteren beleidigt wurde, spielten mir einige Mitschüler auch häufig kindische, aber nervige und ärgerliche Streiche, wie z. B. mir den Stuhl unter dem Gesäß wegzuziehen oder meine Schulhefte, Stifte oder Arbeitsblätter wegzunehmen und zu verstecken. Es stimmt zwar, dass ich wegen der zunehmenden Attacken meiner Peiniger tatsächlich unkonzentrierter wurde, aber ich würde trotzdem schätzen, dass über die Hälfte der Arbeitsblätter, die ich damals „verlegt“ habe, in Wahrheit auf das Konto einiger besonders vorwitziger Klassenkameraden ging. Meine Klassenleiterin (die wir seit der 3. Klasse hatten und mit der ich mich bei weitem nicht so gut verstand wie mit der ersten) kritisierte dennoch, dass ich in „letzter Zeit so schlampig geworden“ sei und „irgendwie neben der Spur“ stünde. Auch andere Lehrkräfte nahmen mich zunehmend und unfairerweise als einen Unruhestifter war – nicht etwa weil ich selbst den Unterricht gestört hätte, sondern weil andere um mich herum immer so viel Aufruhr veranstalteten! Ich verbrachte die Pausen nun meistens mit einer Gruppe Mädchen, mit denen ich zwar nicht besonders befreundet war, die mich aber recht nett behandelten und mich gelegentlich auch gegen die Schmähungen anderer verteidigten (dadurch hatte ich nun auch einen gewissen Schutz vor den schon genannten Übergriffen älterer Schüler auf dem Pausenhof). Zu dieser Zeit hatte ich auch eine „Grundschulliebe“. Es war natürlich bei weitem keine echte Verliebtheit, sondern einfach eine kindliche Schwärmerei, wie sie in diesem Alter, mit 9, 10 Jahren eben vorkommt. Doch ausgerechnet diese Klassenkameradin, in die ich mich verguckt hatte, schien von allen Mädchen diejenige zu sein, die mich am wenigsten ausstehen konnte; während manche ihrer Geschlechtsgenossinnen quasi jede Pause mit mir zusammen abhingen, wollte sie mit mir überhaupt nichts zu tun haben, knuffte und zwickte mich manchmal und stimmte bald auch – als so ziemlich einziges Mädchen – in den Spott ein, mit dem mich in der Klasse sonst eigentlich nur Jungs bedachten. Wahrscheinlich entwickelten sich ihre Aggressionen gegen mich erst deshalb so stark, weil sie wusste, dass ich für sie schwärmte (ich hatte das ihr und auch anderen Klassenkameraden gegenüber kaum geheim gehalten, was wohl ein schwerer Fehler war); es war darüber hinaus aber auch so, dass ich mir wohl so ziemlich die arroganteste Ziege der Klasse ausgesucht hatte (bereits vor meiner Schwärmerei hatte ich von verschiedenen Zänkereien zwischen diesem Mädchen und anderen Jungs gehört). Jedenfalls war dieses Mädchen mein erster Misserfolg bei Frauen, wenn man so will. Damals wusste ich noch nicht, das dies nur der Anfang einer schier nimmer enden wollenden Erfolglosigkeit beim anderen Geschlecht in punkto Beziehungen sein würde.

Alles in Allem verbrachte ich das letzte Grundschuljahr in einer Außenseiterposition. Es war nicht so, dass ich vollkommen isoliert war – ich fand immer noch ein paar Jungs, die mich als Banknachbar akzeptierten und mit denen ich gut auskam (auch wenn sich zu diesen keine wirkliche Freundschaft aufbaute) und mit den meisten Mädels kam ich, wie gesagt, ebenfalls klar. Auch hatte ich keinesfalls einen Horror vor der Schule entwickelt, wie es damals im Kindergarten der Fall gewesen war. Aber ich fühlte mich schon relativ unwohl in der Klasse und war dementsprechend froh, bald als einer der wenigen in der Klassengemeinschaft das Gymnasium zu besuchen und damit einen Großteil meiner damaligen Mitschüler auf nimmer wiedersehen zu sagen. Dort, am Gymnasium, mit neuen und wohl auch intelligenteren Klassenkameraden, würde es mir sicher wieder viel besser ergehen. Wie sehr ich mich täuschte…

Das Gymnasium: Jahrelanger Psychoterror – die Hauptursache meines AB-Tums?

Im meiner neuen Klasse am Gymnasium gab es nur 2 Leute, die ich schon kannte. Der eine war mit mir auch schon in der Grundschule in eine Klasse gegangen und hatte mich dort zwar nicht gerade unterstützt, hatte sich aber wenigstens einigermaßen neutral verhalten; er wurde nun mein neuer Banknachbar in der 5. Klasse. Der andere Junge war zu Grundschulzeiten in eine Parallelklasse gegangen. Ich war ihm ab und zu auf dem Nachhauseweg begegnet, wo er mich dann immer mit dummen Sprüchen genervt hatte. Damals war ich nicht weiter auf ihn eingegangen und hatte ihn weitgehend ignoriert; schließlich hatte ich ihn auch nicht allzu oft getroffen und die Belästigungen von seiner Seite hatten sich daher in Grenzen gehalten. Nun aber war er in meiner Klasse und versuchte mit allen Mitteln, die anderen gegen mich anzustacheln. Leider mit Erfolg. So erinnere ich mich beispielsweise daran, dass ich versehentlich die erste Sportstunde verpasste, weil ich nicht rechtzeitig in den Bus einstieg, der uns zur Sporthalle fahren sollte (meine Schule hatte zwar eine eigene Turnhalle, aber diese wurde zu dem Zeitpunkt gerade saniert). Der Junge erzählte nun allen den unglaublich lustigen Witz, dass ich in den Mädchenbus eingestiegen sei um mit diesen zusammen beim Mädchensport mitzumachen. Dieser Scherz war sicher nur einer von vielen, die er über mich zum Besten gab. Zusammen mit meiner nach wie vor auffälligen Ungeschicklichkeit im Sportunterricht, die wohl als „unmännlich“ aufgefasst wurde, sowie der Tatsache, dass ich damals relativ lange Fingernägel trug – ich mochte das Gefühl nicht, wenn sie so kurz geschnitten waren – führte das dazu, dass ich schon bald in der Klasse ein Image als „Schwuchtel“ innehatte und auch ständig als solcher bezeichnet wurde. Ich glaube nicht, dass mich die meisten dabei wirklich für schwul hielten oder sich überhaupt Gedanken um meine sexuelle Orientierung machten; „Schwuchtel“ war einfach eine ganz gute Beleidigung, die dazu taugte, einen anderen Jungen vor der Klasse bloßzustellen und ihn auszugrenzen. Ich wurde von meinen Peinigern, deren Zahl recht schnell anwuchs, nun immer genauer beäugt; eigentlich unbedeutende Kleinigkeiten in meinen Aussehen und meinen Verhallten wurden als Aufhänger für immer üblere Scherze genommen und alltägliche Missgeschicke, wie sie jedem mal passieren, wurden bei mir schnell zu äußerst grotesken Mythen und Legenden aufgebläht. Als Beispiel hierfür möchte ich eine Begebenheit aus dem Schullandheim in der 5. Klasse erwähnen: Ich war gerade dabei, mir meinen Schlafanzug anzuziehen, als ein paar Klassenkameraden mich aufscheuchten, um sich über mich lustig zu machen („haha, der Schwuchtel ist nackt“, oder so was in der Art). Nackt, wie ich in dem Moment tatsächlich war, hielt ich ein Stück Wäsche vor meine Geschlechtsteile und wich rückwärtsgehend vor ihnen zurück – bis ich rückwärts über das Bett eines meiner Zimmergenossen, der ebenfalls unter den Bedrängern war, stolperte und hineinfiel. Ich war vielleicht eine Sekunde in diesem Bett und Stand sofort wieder auf, aber da rannte der betreffende Zimmergenosse schon durch alle Gänge der Jugendherberge und verbreitete lauthals das Gerücht, ich sei mutwillig nackt in sein Bett gesprungen und habe mich dort drin gewälzt. Allein und für sich genommen wäre diese Schullandheimlegende ja sogar recht amüsant gewesen, aber sie war nur eines von vielen Gerüchten innerhalb der Rufmordkampagne, die immer mehr meiner Klassenkammeraden aktiv gegen mich veranstalteten und die auch beim Rest der Klasse ihre Wirkung nicht verfehlte. Und natürlich fügte sich das Gerücht sehr gut in das Bild als „Schwuchtel“ ein, das die Klassengemeinschaft von mir hatte. Ende der 5 Klasse war es den Mobbern gelungen, mich praktisch vollständig in der Klasse zu isolieren. Die aktiven Rädelsführer waren fast alle Jungs, aber die Mädchen waren ebenfalls schnell dabei mich auszulachen, wenn ich verarscht wurde. In diesem Sinne gab es so gut wie niemanden, der sich nicht oder wenigstens nicht regelmäßig am Mobbing beteiligte und die äußerst wenigen, die in diese Kategorie fielen (wie z. B. mein damaliger Banknachbar) wollten ebenfalls nicht näher mit mir zu tun haben und ließen das Mobbing geschehen, ohne mir zu helfen. In der 6. Klasse erreichte das Mobbing den ersten großen Höhepunkt. Die Schikanen breiteten sich nun zunehmend auch in Parallelklassen, mit denen wir gemeinsam Unterricht hatten, aus. Das einzelne Schüler aus anderen Klassen ebenfalls in das Mobbing einstimmten, hatte es bereits in der 5. gegeben; nun aber beteiligte sich schon bald die ganze Jahrgansstufe daran. Die Parallelklassen fanden dabei schnell ihre ganz eigenen Arten, mich zu peinigen; so bedachten mich die Schüler einer dieser anderen Klassen immer öfter mit einem besonders nervigen Spitznamen, den ich nicht ausstehen konnte. Den stärksten Angriffen war ich aber nach wie vor in meiner eigenen Klasse ausgesetzt: Neben dem mir mittlerweile bekannten Ausgrenzen auf dem Pausenhof oder bei Gruppenarbeiten sowie den allmorgendlichen Begrüßungsfloskeln („Ah, der Schwuchtel ist auch wieder da“) wurde ich jetzt auch immer öfter selbst mitten im Unterricht und vor den Lehrern angegriffen, sei es mit Karikaturen, die bestimmte Schüler von mir anfertigten, mit Schmährufen und unverhohlenem Auslachen, wenn ich im Unterricht mal was falsches gesagt hatte, oder mit offenen Beleidigungen vor der ganzen Klasse. Spätestens zu diesem Zeitpunkt fiel den Lehrern die Situation auf, aber die meisten schafften es, das Mobbing zu ignorieren und so zu tun, als gäbe es keine Probleme. Andere beließen es bei halbherzigen Ermahnungen, die eher kontraproduktiv waren. Lediglich ein Lehrer ging wirklich konsequent gegen das Mobbing vor und machte klar, dass er ein solches Verhalten nicht duldete, so dass ich zumindest in seinen Unterrichtstunden einigermaßen sicher war. Ansonsten war die 6. Klasse für mich jedoch eine Hölle aus Psychoterror. Zu dieser Zeit, so etwa mit 12 Jahren, begann ich mich langsam auch ernsthaft für Mädchen – verbunden mit Beziehungs- und sexuellen Phantasien – zu interessieren. Natürlich wusste man als 12-jähriger Bursche damals noch nicht allzu viel über Sexualität (auch wenn ich bei Zeiten aufgeklärt worden war, was den grundsätzlichen Akt anging), und ich als Außenseiter hatte natürlich auch keine gleichaltrigen männlichen Gesprächspartner, mit denen ich mich darüber unterhalten konnte, auch wenn ich zumindest ein paar Infos aus belauschten Gesprächen anderer Jungs aufgeschnappt hatte. Aber es gab durchaus ein Mädchen, in das ich verknallt war – diesmal war es schon wirklich eher richtige Verliebtheit und nicht nur eine kindliche Schwärmerei. Dieses Mädchen gehörte sogar zu den wenigen, die sich nicht aktiv am Mobbing beteiligten; aber trotzdem war mir schon damals klar, dass ich bei ihr – oder auch bei irgendeinem anderen Mädchen aus meiner Jahrgangsstufe – in meiner Situation praktisch keine Chance hatte. Während der 7. Klasse hatte ich glücklicherweise jenen bereits erwähnten Lehrer, der sich als so ziemlich einziger ernsthaft gegen das Mobbing einsetzte, als Klassenleiter. Dies führte zwar nicht dazu, dass das Mobbing völlig aufhörte, aber die offenen Angriffe vor der gesamten Klasse gingen schon deutlich zurück; außerhalb des Unterrichts bekam ich selbstverständlich weiterhin Beleidigungen an den Kopf geworfen, aber insgesamt konnte man schon von einer Abschwächung der Situation sprechen – vor allem im Vergleich zur 6. Klasse. Ich hoffte, dass das Mobbing nun langsam endgültig abflauen würde, aber ich wurde enttäuscht. In der 8. Klasse, mit einem neuen, relativ weltfremden Klassenleiter (mit dem ich aber allgemein sehr gut zurechtkam), flammte das Mobbing nochmals richtig stark auf und erreichte abermals einen Höhepunkt; es wurde wieder so schlimm wie in der 6. Klasse. Nun kamen vermehrt auch körperliche Angriffe wie Schubsen, oder Schlagen mit Büchern zum Einsatz, um mich zu terrorisieren. Auch das Anmalen von meinen Schulsachen oder meiner Kleidung mit Kreide war damals sehr beliebt. Lediglich die Beschimpfungen hatten sich geändert; „Schwuchtel“ wurde ich nun kaum noch genannt. Wer weiß, vielleicht waren meine Peiniger das ewige „Schwuchtel“-Gelaber mittlerweile selbst Leid geworden. Oder möglicherweise hatten einige selbst homosexuelle Neigungen an sich entdeckt? Jedenfalls vollzog sich nun ein gewisser Imagewechsel meinerseits – aber Leider nicht wirklich zum Positiven. Nun, da das Mobbing wieder zugenommen hatte, begann ich zunehmend zu resignieren. Teilweise weil mich ja ohnehin kaum jemand in der Klasse leiden konnte und es mir egal war, was man von mir dachte, teilweise aber auch aus pubertären Trotz meinen Eltern gegenüber, begann ich meine Körperhygiene zu vernachlässigen. Diese Anti-Köperpflege-Phase dauerte nur wenige Wochen an, aber sie sorgte dafür, dass ich einen neuen Ruf als der „Stinker“ in meiner Klasse verpasst bekam, der noch lange nachwirken sollte. Aber selbst wenn es diese „Gammler-Phase“ nicht gegeben hätte, bin ich mir sicher, dass meine „Klassenkameraden“ genug andere Dinge gefunden hätten, um sich über mich lustig zu machen. So wurde neben meinen angeblich so schrecklichen Gestank – den ich natürlich selbst dann noch hatte, als ich mich längst wieder täglich und intensiv wusch – zunehmend auch über meine recht unmodischen Klamotten abgelästert. Natürlich begaben sich unter diesen Voraussetzungen in Punkto Mädchen keinerlei Verbesserungen. Im Gegenteil, beim Abischerz in der 8. musste ich feststellen, dass das bereits genannte Mädchen, in welches ich nun schon seit ein paar Schuljahren verknallt war, Hand in Hand mit einem anderen Klassenkameraden ging – natürlich mit einem, der sich ebenfalls immer wieder mal am Mobbing beteiligte. Ich hatte mir nie wirklich Chancen auf sie ausgerechnet, mir war schon lange klar gewesen, dass ich, in meiner Situation, wohl nie ihr Freund werden würde… Dennoch traf es mich hart, Sie da zu sehen, händchenhaltend mit einem meiner Peiniger; das machte mir meine beschissene Ausgangslage in Sachen Beziehungen noch stärker klar als bisher. Meine Familie konnte mir in dieser Situation auch nicht wirklich helfen; schon seit längerem kriselte es in der Ehe meiner Eltern, und ich wurde oft in ihre Streitigkeiten hineingezogen. Daher waren meiner Eltern weder Vorbilder in Sachen Umgang mit dem anderen Geschlecht, noch konnte ich bei ihnen den dauerhaften, vertrauensbasierten Rückhalt gewinnen, den ich allein schon wegen des Mobbings gebraucht hätte. Ich führte damals also einen 2-Fronten-Krieg: In der Schule dauerhaft mit meinen Mitschülern, und daheim nur allzu oft mit meinen Eltern (insbesondere mit meiner Mutter); manchmal hegte ich regelrechte Hassgefühle gegen meine Familie, weil sie mich – aus meiner subjektiven Sicht – in meiner ohnehin schwierigen Lage so sehr im Stich ließ. Während ich Zuhause also regelmäßig heftige Streitereien vor allem mit meiner Mutter ausfocht, schritt die Schulzeit voran. In der 9. Jahrgangsstufe wurden die Klassen neu gemischt. Meine neue Klasse hatte einen massiven Mädchenüberschuss, was für mich recht vorteilhaft war: Zwar lästerten ein paar der Mädchen auch recht heftig über mich ab, aber sie taten das eher hinter meinen Rücken und so bekam ich schon weniger direkte Beleidigungen zu hören und auch weniger tätliche Angriffe – diese wurden stets von Jungs ausgeübt – zu spüren als im vorangegangenen Jahr. Der Großteil der Mädchen war mir gegenüber sogar neutral bis freundlich-distanziert eingestellt. Das Mobbing hatte also im Vergleich zum Vorjahr abgenommen, völlig abgeklungen aber war es auch jetzt bei weitem noch nicht; die wenigen Jungs in meiner Klasse machten sich weiterhin einen Spaß daraus, mich mit Kreide anzumalen, mich wegen meiner unmodischen Kleidung aufzuziehen oder Scherze über meinen Körpergeruch zu machen (das Gammler-Image aus der 8. haftete mir immer noch an). Mein Banknachbar in dieser Zeit war damals ein recht seltsamer Typ, mit dem mich eine Art Hass-Freundschaft verband. Phasenweise verstanden wir uns wunderbar und unternahmen sogar etwas außerhalb der Schule miteinander, und dann gab es Zeiten, in denen er mich bis aufs Blut ärgerte, in dem er mich mit Stiften piekste oder sich lauthals über meinen angeblich so grässlichen Mundgeruch beklagte, wobei er gerne Erstickungsanfälle mimte. Ich litt damals tatsächlich unter gelegentlichem Mundgeruch, aber es war wohl keineswegs so schlimm, als das es ein solches Auftreten wie das meines Banknachbarn gerechtfertigt hätte. Das mit dem Mundgeruch passte aber wohl recht gut zu meinem Image als ungepflegter Typ und deshalb liesen es sich mein Banknachbar sowie einige andere Jungs natürlich nicht nehmen, darüber herzuziehen. In der 9. Klasse verliebte ich mich übrigens abermals in eine Mittschülerin; als sie davon Wind bekam, lies sie mich über ihre Freundinnen wissen, dass sie dies sehr störe… Von da an verliebte ich mich immer wieder mal neu in Mitschülerinnen (etwa im Jahresrhythmus), aber auch wenn mir nicht alle eine so klare Absage lieferten, war es doch immer eine unglückliche Verliebtheit. Denn die meisten Mädchen waren ohnehin vergeben, und auch bei Single-Mädels war klar, dass ich für sie niemals als potentieller Beziehungskandidat in Frage käme. Dass ein großer Teil der Mobber dagegen recht gut bei den Frauen ankam, muss ich, glaube ich, nicht extra erwähnen… Der Leidensdruck, keine Freundin zu haben, war bereits zu dieser Zeit, so mit 15 – 16 Jahren, sehr groß. Es war dabei nicht etwa ein Druck von außen, sondern viel mehr meine eigene unerfüllte Sehnsucht, die mich bereits im mittleren Teenageralter fast wahnsinnig machte. Wer weiß, vielleicht hatte ich – im Vergleich zu anderen Jungs, die in diesem Alter ebenfalls noch keine Beziehung hatten und sich darüber kaum Gedanken machen – ein erhöhtes Liebesbedürfnis auf Grund der generellen Außenseiterposition und meiner recht zerrütteten Familie. Jedenfalls war ich schon damals ziemlich fertig deswegen, vor allem im Hinblick auf die Tatsache, dass trotz des langsamen Rückgangs des Mobbings keine Besserung des Problems in Sicht war. Mit 16 war der Schmerz über meine Beziehungsunerfahrenheit so stark geworden, dass ich ernsthaft in Erwägung zog, mir das Leben zu nehmen, wenn ich bis zu meinem 17. Geburtstag noch immer keine Freundin haben würde. Weil sich aber ausgerechnet in jenem Schuljahr deutliche Verbesserungen ergaben, die mich wieder hoffen ließen, verwarf ich den Gedanken bereits einige Monate vor dem betreffenden Geburtstag wieder. In der 10. Klasse passierte es nämlich, dass ich zum ersten Mal seit der Grundschulzeit wieder etwas engeren Kontakt zu einem Mädchen aufbaute. Sie war sitzengeblieben und daher neu in der Klasse, und weil sie etwas anders tickte und auch einen anderen Style hatte als die meisten übrigen Mädels, nahm sie ebenfalls eine Außenseiterposition ein, auch wenn sie nicht direkt gemobbt wurde. Mit mir verstand sie sich dagegen sehr gut und so entwickelte sich im Laufe des Schuljahres eine enge Freundschaft. Natürlich verliebte ich mich in sie, aber obwohl wir uns blendend verstanden, wurde es auch mit ihr nichts: Sie gehört – wie ich mit der Zeit ein wenig enttäuscht feststellen musste – zu den Frauen, die unbedingt einen älteren Kerl wollen. Trotzdem war diese neue Freundschaft mit ihr etwas Wunderbares für mich; sie band mich in ihren Freundeskreis ein, unternahm viel mit mir, und stand auch in der Klasse immer hinter mir. Das alles hat mein Selbstbewusstsein deutlich gestärkt und auch das Mobbing weiter eingedämmt. Im Zuge dieser deutlichen Verbesserungen und der damit einhergehenden Hoffnungen für die nahe Zukunft gab ich dann meine konkreten Suizidabsichten auf. In der 11. Klasse flaute das Mobbing dann endgültig ab. Mittlerweile war ich sogar so beliebt, dass einige Jungs aus meiner Klasse (keine von den richtig coolen, aber immerhin welche von mittlerem Rang) mich einluden, mit ihnen zusammen am Wochenende feiern bzw. in die Disko zu gehen. Ich nahm an, und von da an zog ich also regelmäßig mit diesen Jungs, meist in recht stark alkoholisiertem Zustand, durch die Clubs der Stadt. Mit meinem eher bescheidenen Aussehen und meiner Unerfahrenheit bezüglich des anderen Geschlechts konnte ich natürlich dort keine Frauen „aufreißen“, aber immerhin nahm ich endlich auch mal am Nachtleben teil. In der Schule war ich nun zumindest weitgehend toleriert; lediglich der schon erwähnte Banknachbar machte sich oft noch einen Spaß daraus, mich zu ärgern. Der Endgültige Schlusspunkt des aktiven Mobbings war dann wohl erreicht, als ich diesen Typen gegen Ende der 11. Klasse endgültig die Freundschaft kündigte und mich woanders hin setzte (in früheren Jahren wäre dies für mich praktisch unmöglich gewesen, weil mich kaum ein anderer Junge als Banknachbar akzeptiert hätte und die Mädels ohnehin eher unter sich blieben). Entzweit haben wir uns übrigens nicht wegen seines schlechten Benehmens mir gegenüber, sondern wegen eines Zwists um ein Mädchen, für dass ich damals Schwärmte: Er hatte mit ihr eine enge Freundschaft begonnen, bei der ich stets außen vor blieb… Er versicherte mir zwar, dass zwischen ihnen nichts Sexuelles laufen würde, aber das konnte ich ihm nicht wirklich abnehmen und selbst wenn er die Wahrheit gesagt hätte, wäre ich trotzdem zu eifersüchtig gewesen, um noch länger mit ihm in engeren Kontakt zu bleiben. Durch das Ende unserer „Hass – Freundschaft“ waren meine Möglichkeiten, an betreffendes Mädchen heranzukommen, natürlich erst recht vertan, aber wenigstens musste ich nun nicht mehr aus nächster Nähe mit ansehen, wie die beiden zusammen Spaß hatten und sich dabei womöglich näher kamen, als mir lieb war. Und ich war nun auch meinen letzten Peiniger losgeworden; denn nun, da wir endgültig miteinander gebrochen hatten, lies mich der Typ wenigstens komplett in Ruhe.

Fortgesetzte Chancenlosigkeit in der Kollegstufe

Die letzten 2 Jahre, die der Kollegstufe, waren wohl meine Besten am Gymnasium. Dies ist auch nicht sonderlich verwunderlich; schließlich konnte ich nun endlich als ganz normaler Schüler zur Schule gehen und musste nicht mehr ständig Attacken meiner Klassenkameraden fürchten. Ich war nun in die Jahrgangsstufe integriert und konnte mit so ziemlich allen Mitschülern – auch mit ehemaligen Mobbern – gut interagieren. Das Mobbing, die Beleidigungen und alle Sachen, die mir über die Jahre angetan worden waren, wurden nicht mehr erwähnt, aber irgendwie war mir das auch lieber so; wenigstens wurden damit die Wunden, die gerade und langsam zu heilen begannen, nicht neu aufgerissen. Meine schulischen Leistungen steigerten sich während der Kollegstufenzeit kontinuierlich, zum Teil, weil ich einige meiner tendenziell schwächeren Fächer abgewählt hatte, zum Teil aber vielleicht auch, weil ich mich ohne das Mobbing besser auf den Unterricht konzentrieren konnte. Bisher war ich nicht gerade ein schlechter Gymnasiast gewesen, aber insgesamt lag mein Notendurchschnitt – auch dank ein, zwei Hassfächern – meist lediglich im Bereich des „guten Mittelfelds“. Nun jedoch wurden meine Leistungen richtig gut. Sogar in meinem Hassfach Mathe schaffte ich im letzten Schuljahr deutliche Steigerungen, und am Ende schloss ich meine Schullaufbahn mit einem 1ser-Abi ab. In den letzten 2 Schuljahren hatte ich mir auch einen kleinen, aber feinen Freundeskreis aufgebaut (neben den Diskoleuten, die ich schon erwähnt habe), der vorwiegend aus Leuten bestand, die ebenfalls eher am unteren Ende der Jahrgangsstufenhierarchie angesiedelt waren. Diese Leute – allesamt Jungs – waren meine Hauptkontakte in der Schule (meine gute Freundin aus der 10. Hatte die Schule in der 11. Klasse abgebrochen) und oft unternahm ich auch in meiner Freizeit was mit ihnen. Fast alle waren übrigens ebenfalls „Unberührte“. Ich konnte zu dieser Zeit also nicht mehr über aktives Mobbing klagen, aber nach Jahren des Psychoterrors hatte ich natürlich immer noch ein gewisses Fremdkörpergefühl in der Schulgemeinschaft. Während dieser Zeit gab es ebenfalls Frauen, in die ich verliebt war, aber auch wenn das Mobbing mittlerweile vorüber war, das Grundproblem blieb dasselbe: Mit meinem schlechten Image, dass wohl immer noch in die Köpfe der meisten meiner Mitschüler gebrannt war, auch wenn es nicht mehr offen angesprochen wurde, sowie mit meinem tatsächlich nicht besonders guten Aussehen, war es ein offenes Geheimnis, dass ich bei keiner Frau aus unserer Stufe auch nur den Hauch einer Chance hatte. Dies wurde nur allzu deutlich, wenn ich von Mitschülern, denen ich – meist bei Feten und im leicht angetrunkenen Zustand – im Vertrauen von meinen Schwärmereien erzählte, zwar keine bösartigen Kommentare, aber oft ein sehr mitleidiges Lächeln erntete. Die erste und einzige Erfahrung mit dem anderen Geschlecht, die ich damals machte, war ein bisschen Knutschen auf einer Party mit einem Mädchen, das nicht von unserer Schule war und mich daher nicht kannte. Mehr geworden ist damals nichts daraus, weil sie deutlich jünger war als ich und sich daher kein Verliebtheitsgefühl von meiner Seite aus entwickelte (bevor nun aber der Eindruck entsteht, ich wäre einfach zu anspruchsvoll, sollte ich vielleicht hervorheben, dass dies wirklich das einzige Mal in meinem bisherigen Leben war, das ich ein Mädchen abgewiesen habe). Die Frauen, von denen ich wirklich etwas wollte, waren für mich unerreichbar und alles was mir blieb, war hoffnungsloses Schmachten… So stand ich dann am Ende meiner Schullaufbahn da, mit einem sehr guten Abschluss zwar, aber ohne Freundin und ohne jegliche Beziehungserfahrung.

Nach der Schule

Da ich einer der letzten Männer war, für die noch die Wehrpflicht galt, konnte ich nicht sofort studieren, sondern musste erst mal meiner Pflicht dem Staat gegenüber nachkommen. Eine Zeit lang überlegte ich mir, ob ich vielleicht sogar zur Bundeswehr gehen sollte, aber am Ende hab ich mich doch für den Zivildienst entschieden, vor allem weil ich bedenken hatte, in so einer harten Umgebung wie bei der Bundeswehr schnell wieder in eine Opferrolle zu geraten. Außerdem hätte mich die Armee wohl schon unmittelbar nach der Schule eingezogen, und ich wollte nach der stressigen Phase der Abschlussprüfungen schon einige Wochen Ferien haben. Mitte September trat ich dann also für ein halbes Jahr meinen Zivildienst in einer Behindertenwerkstatt an, und ich muss sagen, dass es dort ziemlich gut lief. Ich wurde sowohl von den Behinderten als auch von den Nichtbehinderten sehr geschätzt und die Arbeit war auch recht angenehm; natürlich wäre es mir lieber gewesen, wenn ich den Dienst überhaupt nicht hätte verrichten müssen, aber die Stelle an sich war schon ziemlich toll. Mit Frauen lief dort allerdings auch nichts: Denn obwohl das weibliche Geschlecht in sozialen Berufen angeblich so häufig vertreten ist, waren nahezu alle Mitarbeiter und Azubis in meiner Altersklasse männlich. Und die wenigen Frauen, die man ein zwei Fingern abzählen konnte, waren selbstverständlich vergeben. In der Küche, wo ich meistens eingeteilt war, sah man schon häufiger Frauen in meinem Alter. Diese waren Schülerinnen, welche dort ein Hauswirtschaftspraktikum absolvierten. Allerdings kamen sie jeweils nur an 1 bis 2 Tagen pro Woche, und das insgesamt auch nur für wenige Wochen Dauer. Zusammen mit der Tatsache, dass sie natürlich fleißig zu tun hatten und zudem meist für andere Tätigkeiten eingesetzt wurden als ich, ergab sich so kaum Gelegenheit, sie näher kennenzulernen oder sich gar in sie zu verlieben. Trotzdem behalte ich den Zivildienst in sehr guter Erinnerung, denn ich hatte dort wirklich das Gefühl, als Person geschätzt zu werden – etwas, was ich in dieser Form aus der Schule nicht kannte. Das letzte halbe Jahr vorm Studium, welches erst zum nächsten Wintersemester begann, genoss ich noch mal meine Freizeit und unternahm viel mit meinen Freunden aus der Schule. Da dieser Freundeskreis allerdings fast nur aus anderen MABs bestand und zudem recht klein und in sich ziemlich geschlossen war, lernte ich dabei keine Frauen kennen… Natürlich hatte ich noch meine beste Freundin aus der 10. Klasse, mit der ich – unabhängig von meinen männlichen Freunden – noch engen Kontakt hielt. Über sie lernte ich schon öfters neue Leute kennen, doch es waren fast nur Männer (besagte Freundin gehört zu den Frauen, die tendenziell eher mit Typen als mit anderen Frauen abhängen), und wenn ich über sie doch mal eine neue Frauen kennenlernte, so waren diese ausnahmslos lesbisch oder vergeben.

Eindrücke aus dem Studium

Zum Studium zog ich in eine recht entfernte Stadt, nicht weil ich unbedingt weit weg wollte, sondern des Studiengangs wegen; allerdings machten meine Beziehungslosigkeit, mein relativ stressiges Elternhaus sowie meine überwiegend schlechten Erinnerungen an meine Jugend es mir nicht gerade schwer, meine Heimatstadt zu verlassen. Im Studium ist es mir bisher Alles in Allem sehr gut ergangen. Meine Leistungen sind gut, das Studieren macht mir Spaß, und ich habe auch einige Freunde gefunden, mit denen ich meine Freizeit gestalte. Mit Mobbing habe ich an der Uni auch keinerlei Probleme. Allerdings bin ich weiterhin in der AB-Falle gefangen. Alle meine engeren Freunde an der Uni sind Männer (die meisten aber wohl Nicht-ABs) und mit den Frauen meines Studiengangs habe ich – bisher zumindest – insgesamt recht wenig Kontakt. Es gibt zwar recht viele Frauen in meinem Studiengang – darunter auch einige, die ich attraktiv finde – aber kaum eine ist Single; die meisten sind noch von ihren Heimatstädten aus verpartnert. Auch habe ich bis dato keinerlei bemerkbaren Interessensbekundungen von Kommilitoninnen erlebt. Und ich selbst? Ich bin nicht nur recht schüchtern gegenüber den Frauen, sondern habe auch keine Ahnung, wie man Flirtet – ich weiß einfach nicht, wie das geht! Die meisten lernen das wohl spielerisch in ihrer Teeniezeit, aber ich hatte dazu nie die Chance…

Abschließende Gedanken

Viel mehr gibt es in der Chronik meiner Beziehungslosigkeit nicht mehr zu erzählen. Vielleicht noch ein Aspekt: Seit die Schule vorbei ist war ich nicht mehr richtig verliebt; klar, es gibt Frauen, die mir gefallen, aber das richtig starke Verliebtheitsgefühl, das Anschmachten und Schwärmen, welches für meine Schulzeit so typisch war, das hat es bis jetzt in meiner Studienzeit nicht gegeben. Vielleicht kann ich mich nach all der negativen Erfahrung, nach all der Unglücklichen Liebe meiner Jugend nicht mehr (so schnell) neu verlieben? Aber ich möchte eher glauben, dass es ein Reifungsprozess ist, der unabhängig von meiner Unerfahrenheit eingesetzt hat, und der jetzt dafür sorgt, dass ich mich nicht mehr so schnell in Frauen verliebe, welche ich gar nicht näher kenne. In diesem Sinne bin ich vielleicht trotz meines AB-Tums in Punkto Umgang mit dem anderen Geschlecht erfahrener und erwachsener geworden.Trotz aller Verzweiflung, die mir meine Beziehungslosigkeit so lange bereitet hat und immer noch bereitet, bleibt mir ein kleiner Schimmer an Resthoffnung. Immerh in lernt man an der Uni ja doch jedes Semester neue Leute und darunter auch Frauen kennen. Und vielleicht ist darunter ja auch mal eine, für die ich als potentieller Partner nicht unsichtbar bin, und die vielleicht sogar von sich aus Interesse an mir Zeigt, wodurch es mir auch viel leichter fallen würde, auf sie zuzugehen. Bereit dafür bin ich jedenfalls. Und zwar schon sehr lange. Es heißt in der AB-Szene ja öfters, dass das Alter, in dem ich mich heute befinde – Anfang 20 – eines ist, in dem man noch ganz gute Chancen hat, doch noch eine Partnerin zu finden und dann ein recht erfülltes Beziehungsleben zu führen. Ich hoffe wirklich, dass mir dies gelingen wird und wünsche an dieser Stelle auch allen meinen Leidensgenossen alles Gute!