Ein Jahr Normalo sein und sterben

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Autor: Wanderer, m, Jg. 1970


Seit vielen Jahren weiß ich, dass etwas mit mir nicht stimmt. Am Anfang hatte ich sogar Schwierigkeiten, das Problem selbst zu beschreiben.

Vor ein paar Tagen habe ich dieses Wiki und einige Foren entdeckt und bin total erstaunt, dass ich nicht der Einzige bin, der unter AB leidet.

Bis dato dachte ich immer, ich wäre der Einzige und wusste gar nicht, dass es so was gibt.

Ich bin Jahrgang 1970. Jawohl, ich bin so alt, dass die riesigen Eichen- und Kastanienbäume in meiner Straße mich grüßen, wenn ich vorbei gehe.

Der Leidensweg eines ABlers ist immer traurig und ich bin der Meinung, nicht alle haben es verdient, da sie zumal auch noch meistens ganz nette und anständige Menschen sind. Genau deshalb habe ich mich entschlossen, meine Erlebnisse hier niederzuschreiben, weil es in meinem Leben Situationen gab, die selbst einen AB-Menschen noch vielleicht ins Staunen versetzen können. Bei mir zeigt sich AB nämlich in seiner stärksten Form.

Geweint haben wir alle genug und vielleicht findet eine(r) der LeserInnen in meinem Beitrag noch eine Stelle, über die er oder sie Grund zum Schmunzeln findet.

Wenn das geschieht, hat es seinen Zweck erfüllt und es war die Mühe wert. Vielleicht findet der oder diejenige heraus, dass es Menschen gibt, denen es noch schlimmer geht.

Ganz kurz: Mein Elterhaus war katastrophal. Mein Vater war jähzornig und hat mich manchmal bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen. Sobald im Fernsehen eine Kussszene kam, wurde umgeschaltet. In der Schule wurde ich gehänselt. Also begann meine AB-Karriere schon sehr früh und alle Bedingungen waren perfekt.

Es wäre ein Wunder gewesen, wenn ich nicht an AB erkrankt wäre. Das soll reichen. Ich möchte über meine Erlebnisse schreiben und nicht meine Kindheit analysieren.

Ich versichere bei meinem Ehrenwort, dass sich alles genauso zugetragen hat und ich die reine Wahrheit schreibe, auch wenn es manchmal unglaublich klingt.


Also fangen wir an:


1) Das älteste Ereignis, an das ich mich erinnere, ist in einer Kneipe gewesen. Ich war mit ein paar Freunden unterwegs und wir hatten eine Menge Spaß.

Dort befand sich auch ein Fernseher, der an einer Wand montiert war und den Sportkanal zeigte. Ich weiß nicht mehr, was es Interessantes zu sehen gab, aber ich schaute eine Minute lang dorthin. Genau darunter stand eine wunderschöne junge Frau mit blonden Locken. Aus den Augenwinkeln konnte ich erkennen, dass sie dachte, ich würde sie ansehen und lächelte. Für jeden Normalo wäre das wie ein Lottogewinn, aber ich war unfähig, wie gelähmt, meinen Blick um ein paar Zentimeter zu senken, um sie anzusehen. Als ich „endlich“ erkannte, dass sie sich enttäuscht abwendete, konnte ich wieder wegsehen und mich meinen Freunden widmen. Es zerreist mich noch heute, wenn ich daran denke. Aber keine Bange, es kommt noch viel besser.


2) Ich arbeitete in einer großen Stadthalle und außer mir gab es noch ca. 20 andere Kellnerinnen und Kellner. Eines Tages war ich dabei, die Getränke für den Abend vorzubereiten und ein Mädel arbeitete neben mir. Immer wieder schaute sie verstohlen in meiner Richtung und wenn sich unsere Blicke trafen, lächelte sie.

Mir würde es nie im Traum einfallen, ein Gespräch mit ihr zu beginnen, denn sie hatte lange schwarze Haare, eine tolle Figur und war sehr hübsch.

Irgendwann fasste sie sich ein Herz und begann mir Fragen zu stellen. Woher ich kommen würde, ob ich schon länger hier arbeiten würde usw., Small-Talk eben, um das Eis zu brechen. Zwischendurch musste ich meinen Arbeitsplatz verlassen und etwas holen oder wegbringen. Als ich wieder unterwegs war, stellte sich einer meiner Kollegen mir in den Weg und sprach in einem Ton, der schon fast an Wut erinnerte: „Sag mal, bist du total bescheuert? Merkst du denn überhaupt noch was?“

Er packte mich am Arm und drehte mich in ihre Richtung. Ich sah, wie sie uns beobachtete und als sie uns bemerkte, widmete sie sich schnell wieder ihrer Arbeit.

Als ich dann wieder bei war, dachte sie, dass ich nun endlich begriffen hatte, was sie von mir wollte und traute sich. „Was machst du heute nach Feierabend?“, wollte sie wissen. „Sollen wir noch was trinken gehen?“

Liebe Leser, AB oder nicht, was sagt man in so einem Moment? Das Schicksal hat dir wieder ein so tolles Geschenk gemacht, kein Anmachen, keine Ablehnungsangst, kein Risiko. Sie will mit mir etwas trinken. Es braucht nur ein „Ja“ über meine Lippen zu kommen und vielleicht habe ich die Liebe meines Lebens gefunden.

Und ich tat auch genau das Richtige: Ich sagte ihr, dass ich verheiratet wäre und nach Hause müsste. Ich bin überzeugt, dass viele an dieser Stelle sich die Haare raufen, ich würde es tun. Warum habe ich das getan? Ich bin bereit, ein Jahr lang krank im Bett zu liegen, nur um die Antwort auf diese Frage zu bekommen.


3) Gleicher Arbeitsplatz, ca. 2 Wochen später. Wie so oft gingen wir Kollegen nach Feierabend zusammen in einer Kneipe, um unser wohlverdientes Feierabendbier zu trinken und uns auch mal bedienen zu lassen.

Dicht gedrängt saßen sie dann da, ca. 10 Kellnerinnen und Kellner, die sich den Arbeitsfrust von der Seele quasselten. Das Mädchen neben mir suchte einen Grund nach dem anderen, um mich irgendwie anzufassen. Wenn sie keinen Grund fand, legte sie einfach ihre Hand auf meinen Oberschenkel. Sie war sehr offenherzig. Wieder tat ich genau das, was alle anderen Männer an meiner Stelle getan hätten, nämlich es gar nicht registrieren. Nicht mal die schmunzelnden Gesichter der Kollegen gegenüber, die die Situation beobachteten, machten mich aufmerksam. Irgendwann nahm sie meine Hand und steckte sie kurzerhand zwischen ihre Beine, tief in ihren Schoß. Noch nicht einmal das wurde mir bewusst, erst als sie meine Hand packte und noch tiefer zog und meine Kollegen ihre Gespräche unterbrachen, um über dieses Schauspiel zu lachen, wachte ich auf. An meinem Blick sahen sie, dass ich das gar nicht witzig fand und sie schauten verlegen in alle Richtungen.


4) Ein paar Jahre später nahm ich einmal wöchentlich an einem Kurs in der VHS teil. Dort gab es wieder eine junge Frau, die mir so sehr gefiel, dass ich mir hätte vorstellen können, den Rest meines Lebens mit ihr zu verbringen. Ich würde mich nie trauen eine Frau anzusprechen, aber bei ihr war es anders. Ich hatte nicht das beklemmende Gefühl flüchten zu müssen. In ihrer Nähe fühlte ich mich wohl und konnte eigenartigerweise locker sein. Ganz unverhohlen suchte ich auch immer wieder ihre Nähe auf, um mich mit ihr zu unterhalten und wenn ich das mal nicht tat, kam sie zu mir. Wenn wir in der Klasse Grüppchen bilden mussten, wiesen uns schon die Dozenten zusammen, denn jeder hatte mitbekommen, dass wir Sympathie für einander hatten.

Eines Tages lud ich sie wie selbstverständlich zum Essen ein und wir hatten sehr viel Spaß zusammen. Als wir aus dem Restaurant kamen, drückte ich sie an mich und wir gingen umschlungen zu ihr nach Hause. Wir tranken noch Wein und unterhielten uns. Sie streckte ihre Beine aus und machte es sich auf dem Sofa gemütlich.

Das empfand ich wie ein Startschuss und machte exakt das, was alle Männer an meiner Stelle machen würden. Ich stand auf, ging zu ihr und gab ihr einen Abschiedskuss auf die Wange. Woher sollte sie wissen, was ich vorhatte? Für sie war ich ein netter Kerl, der nichts überstürzen wollte, weil er es ernst mit ihr meinte und jetzt war der romantische zärtliche Teil des Abends gekommen. Ich konnte ihrem Gesicht entnehmen, dass sie sich freute und entspannte. Sie legte beide Arme um meinen Hals und drückte mich an sich. Als sie merkte, dass ich meinen Kopf wegzog, wollte sie nicht loslassen. Dieses „Nein“, das sie danach flüsterte, höre ich nach so vielen Jahren immer und immer wieder und ich habe es noch nie geschafft, nicht zu weinen, wenn ich an sie denke.

Den Kurs habe ich abgebrochen.


5) Als ich Anfang 30 war, lernte ich wiedermal eine junge Frau kennen und ich mochte sie sehr. Wenn ich an die Zeit zurückdenke, glaube ich, dass sie auch was für mich übrig hatte. Ich habe sie mindestens 20 mal besucht, wir haben uns stundenlang über alles Mögliche unterhalten und verstanden uns prima. Wir waren richtig gute Freunde geworden, die sehr oft zusammen etwas unternahmen.

Eine kurze Zeit lang hatte ich einen Aushilfsjob als Nachtwächter und von der Arbeit aus rief ich sie an und erzählte ihr, dass ich mich langweilen würde etc.

Kurzerhand beschlossen wir, dass sie mich besuchen kommen sollte und dann kam sie auch. Ich führte sie durch das Gebäude und wir kamen in den Keller, wo schwere Maschinen standen. Es war sehr ruhig und das Licht war schummrig. Sie lauschte aufmerksam meinen Ausführungen und stand ganz dicht bei mir.

Als der verführerische Duft ihres Parfüms in meine Nase stieg und ich ihre leuchtenden Lippen betrachtete, war es um mich geschehen. Ich beugte mich zu ihr und . . .

Ihr ahnt es schon. Mit einem Satz brachte ich wieder 3 Meter zwischen uns und schwafelte über irgendeinen Scheiß, an den ich mich nicht mehr erinnere.



Das sind nur ein paar Beispiele und es gibt noch viele viele weitere. Ich bitte meinen Sarkasmus zu entschuldigen. Ich konnte nicht darauf verzichten.

Viele Menschen, die nicht unter diesem Problem leiden, können dieses Verhalten weder verstehen, noch nachvollziehen.

Es geht nicht um verpasste Chancen, sondern darum, sich selbst und seinen Mitmenschen so etwas nicht antun zu müssen. Es geht darum, sich wie ein vollwertiger Mensch zu fühlen, einfach mal in die Disco gehen, Spaß haben, sich mit Leuten unterhalten und vielleicht auch mal eine Freundin zu haben.

Warum nicht?


Wenn ich ein Jahr so leben könnte, würde ich auf den Rest verzichten.